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Drei Gründe warum die Digitalisierung der Apotheken weiter hakt

Und wie es gelingen kann, mit digitalen Tools im Gesundheitswesen erfolgreich zu sein

Interview mit Dr. Mathias Schindl, Experte für Digitalisierung im Gesundheitswesen

Warum kommt die Digitalisierung in den Apotheken nicht so recht voran? Um diese Frage zu beantworten, treffen wir Dr. Mathias Schindl in München. Der Naturwissenschaftler und IT-Experte begleitet die digitale Entwicklung im Gesundheitswesen seit langer Zeit. Als Berater unterstützt er heute Unternehmen und Verbände bei der Entwicklung erfolgreicher Strategien für ein digitalisiertes Gesundheitswesen.


Herr Schindl, woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Digitalisierung in den Apotheken nicht wirklich vorwärtskommt?

Dafür gibt es gleich drei Ursachen: erstens weiß kaum jemand genau, was Digitalisierung eigentlich ist, zweitens gibt es sehr viele Ängste bei dem Thema und drittens fehlt den Anbietern oft die Phantasie für die richtigen Angebote.

Woran liegt es, dass keiner so genau weiß, was Digitalisierung ist?

Schon der Begriff führt viele in den Irrtum. Vor allem in der Apotheke denken noch viele, Digitalisierung hieße einfach EDV einzusetzen. Und da viele Apotheker schon seit 25 Jahren mit dem Computer arbeiten verstehen sie nicht so recht, warum sie jetzt etwas verändern sollten. Andere verbinden das Thema Digitalisierung mit ihrem Auftritt bei sozialen Medien und ihrer Apotheken-Website. Das ist nicht falsch, aber nur ein sehr kleiner Teil des Themas und der damit verbundenen Chancen.

Ist die Digitalisierung in den Apotheken also nicht schon längst passiert?

Auf gar keinen Fall. Im ersten Schritt der Digitalisierung werden typischerweise nur analoge Abläufe digitalisiert. Aber was wir mit dem Begriff heute eigentlich meinen, das ist der zweite Schritt. Der kommt erst viel später und hat oft etwas mit sozialer Interaktion vieler Menschen zu tun, mit schnellen mobilen Netzwerken oder mit der Verfügbarkeit von intelligenten Algorithmen und großen Datenmengen im Netz. Dieser zweite Schritt verändert die Spielregeln für immer.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Nehmen wir die Musikbranche. Der erste Schritt war die Ablösung der Schallplatte durch die CD. Hinzurechnen kann man, dass aus dem Walkman der iPod wurde. Aber der zweite Schritt war spannend und unerwartet: dabei sind völlig neue Dienste entstanden wie Spotify und Shazam. Erst dieser zweite Schritt hat die Branche massiv verändert. Und solche „zweiten Schritte“ verändern auch das Gesundheitswesen. Um sie geht es eigentlich, wenn wir von Digitalisierung sprechen.

Und warum sorgt das für Verunsicherung?

Den meisten Menschen macht es Angst, wenn sich die Regeln in ihrem Umfeld verändern, beispielsweise wenn es um ihren Job geht. Eine repräsentative Umfrage der marpinion auf dem ApoChannel (ein digitaler Wissenskanal für Apothekenteams, die Red.) hat ergeben, dass zwei Drittel der Apothekeninhaber mit der Digitalisierung ihrer Branche Ängste verbinden. Sie sorgen sich nicht nur wegen möglichem Datenmissbrauch, sondern auch wegen der Umsatzverlagerung zum Versand und Apothekenschließungen als Folge der Digitalisierung. Ihre Befürchtungen drehten sich außerdem um Dinge wie Kontrollverlust und Technikversagen, aber auch Verlust der Menschlichkeit und persönliche Überforderung wurden oft genannt.

Damit muss man sich also auf jeden Fall beschäftigen. Sprechen wir noch kurz über ihren dritten Punkt. Was meinen Sie genau mit fehlender Phantasie?

Damit meine ich vor allem Defizite beim Hineinversetzen in den Nutzer. Speziell im Gesundheitswesen wimmelt es nur so von Apps und Services, die keiner verwendet. Auch und gerade digitale Angebote werden nur genutzt, wenn sie den Anwendern Spaß machen. Rationale Nutzenargumente oder die Tatsache, dass der Anbieter damit einen Vorteil hat, bewirken einfach gar nichts.

Lohnen sich denn Digitalisierungsinitiativen für die Apotheke überhaupt, wenn doch so viele Widerstände im Weg stehen?

Es lohnt sich unbedingt, gute digitale Angebote zu entwickeln und die Apotheken werden sie in Zukunft sogar sehr dringend brauchen. Wenn es den Apotheken nicht gelingt, die Digitalisierung für sich zu nutzen – und zwar weit mehr als nur mit Social Media und Medikamentenbestellung –, dann werden sie möglicherweise nicht mehr lange überleben.

Wie sollte man denn Ihrer Meinung nach vorgehen, um mit digitalen Angeboten für Apotheken erfolgreich zu sein?

Es existiert natürlich kein Patentrezept, aber es gibt eine Reihe von guten Vorgehensempfehlungen, die dabei helfen, Fehler und Misserfolge zu vermeiden. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass man einerseits die bestehenden Ängste erkennt und adressiert und andererseits bei der Gestaltung der Angebote konsequent vom Nutzer her denkt. Nur so gefundene Lösungen werden wirklich angenommen und nur was sich schnell in der Breite durchsetzen kann, hat echtes Innovationspotenzial.

Gibt es ein Beispiel, bei dem es besonders gut funktioniert hat?

Wer den Apothekern etwas Nützliches bieten möchte, sollte ihnen im Alltag genau auf die Finger schauen und herausfinden, bei welchen Tätigkeiten ein digitales Tool ihnen wirklich Mehrwerte bietet. Ein gutgemachtes Beispiel, wo so etwas hervorragend gelungen ist, stellt die Smartphone-App „ApoSync“ dar, mit deren Hilfe Apothekenteams unter anderem das verpflichtende Bearbeiten von Arzneimittelrückrufen im Handumdrehen erledigen können. Diese App verbreitet sich inzwischen rasant auf Handys von PTAs und Apothekern.

Kontakt

Dr. Mathias Schindl
mathias@schindl.de

Als Biophysiker und IT-Experte hat sich Mathias Schindl knapp zwei Jahrzehnte lang in verantwortlichen Positionen mit Software und Apps für den Gesundheitssektor beschäftigt. Als analytischer Denker und präziser Beobachter versteht er genau, was die Digitalisierung für den Alltag und die Selbstwahrnehmung der Heilberufler bedeutet. Als Berater unterstützt er heute Unternehmen und Verbände bei der Entwicklung erfolgreicher Strategien für ein digitalisiertes Gesundheitswesen.

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